Projektbeschreibung „Unsere Zukunft. Mit Dir!“

Durch den großen Zuwachs an Geflüchteten, die nach Deutschland kommen, steigt auch die Herausforderung für alle gesellschaftlichen Akteure, die sich in der Flüchtlingsarbeit einbringen. Um geflüchteten Menschen den Start in ein neues Leben fernab der Heimat zu erleichtern, braucht es eine Vielzahl von Kultur-, Bildungs- und Sprachangeboten. Sie sind auf qualifizierte Helfer angewiesen, die ihnen mit kultureller Sensibilität begegnen und informiert zur Seite stehen.

Mit dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt „Unsere Zukunft. Mit Dir!“ sollen bis zu 150 Stipendiat/innen des Avicenna-Studienwerks und der anderen 12 Begabtenförderungswerke zum Thema Flüchtlingshilfe sensibilisiert werden. In einer dreitägigen Wochenendschulung lernen die Teilnehmer/innen von Expert/innen den zielgerichteten Umgang mit Geflüchteten und befassen sich mit theoretischen und praktischen Teilaspekten der Flüchtlingsarbeit wie u.a. Asyl- und Sozialrecht, Arbeitsmarkt- und Hochschulzugang für Geflüchtete, Vermittlung von Sprachkenntnissen, Patenschaften und Mentoring, psychologischer Unterstützung und Mutter-Kind-Aktionen. Des Weiteren setzen sich die Stipendiat/innen mit der Struktur erfolgreicher Geflüchteten-Projekte auseinander und konzipieren darauf aufbauend eigene Projektideen. Die Schulung ist in Pflicht- und Wahlmodule unterteilt. Die Wochenendschulung für Flüchtlingslotsen findet an acht verschiedenen Standorten statt (voraussichtlich: Hamburg, Berlin, Osnabrück, Dortmund, Köln, Frankfurt, Karlsruhe, Nürnberg).

Im Rahmen der Schulung erwerben oder stärken die Stipendiat/innen ihre interkulturelle Kompetenz und werden auf ihre Multiplikatoren-Rolle im gesellschaftlichen Kontext vorbereitet. Im Anschluss an die Ausbildung sollen die Teilnehmer/innen in Regionalgruppen eigene Aktionen und Projekte für Geflüchtete entwickeln und durchführen, z.B. Infoveranstaltungen zu Arbeitsmarkt- und Hochschulzugang, Mutter-Kind-Aktionen, Sprachtandems, Nachhilfe, Theater- und Musikprojekte, Freizeitaktionen („Ich lerne meine Stadt kennen“, Poetry Slams etc.). Bei der Umsetzung wird sie das Avicenna-Studienwerk unterstützen und beraten. So schaffen die Stipendiat/innen in ihrem Umfeld wichtige Dialogplattformen zwischen Geflüchteten und Bürgern.

Durch das Projekt werden nicht nur bestehende defizitäre Problemfelder angegangen, sondern nachhaltig in die Zukunft geflüchteter Menschen investiert. Hierbei sollen vor allem Frauen, Kinder, Schüler/innen und Student/innen unterstützt und motiviert werden, das eigene Potenzial auszuschöpfen und in Austausch mit ihrer Umwelt zu treten. Daher heißt unser Motto „Unsere Zukunft. Mit Dir!“

Stipendiat/innen bewerben sich direkt bei ihren Begabtenförderungswerken um eine Teilnahme.

Bei inhaltlichen Rückfragen wenden Sie sich bitte an Madina Karimova (Projektkoordinatorin), E-Mail: karimova@avicenna-studienwerk.de

Es war einmal eine Schultüte…

„Bald ist doch das Opferfest?! Wollen wir da etwas für Geflüchtete organisieren?“ fragte einer der Stipendiaten. Es war ein warmer Sommerabend in Berlin – das Ende eines langen, spannenden Tages in der ersten Sommerakademie des Avicenna-Studienwerks. Doch die Gruppe junger Studenten waren noch lange nicht müde. Eine Stipendiatin in der Runde kratzte sich am Kopf, dann sprudelten die Worte aus ihr heraus: „Ist am Wochenende nicht die Einschulung der Erstklässler? Da werden doch alle Kinder mit Schultüten und ihren neuen Schulsachen hingehen. Aber die Familien von geflüchteten Kindern werden keine Mittel für Schulsachen haben.“ Die Gruppe schwieg – das Bild von Kindern ohne Schultüte neben Kindern mit Schultüte vor Augen. „Man müsste für Schultüten sorgen und den Kindern und Familien erklären, was es damit auf sich hat.“, sagte einer. Bevor ihm sein Freund ins Wort fiel: „Wochenende? Euch ist schon klar, dass das übermorgen ist, oder? Das schaffen wir nie!“ Doch alle nickten einander zu: Herausforderung angenommen!

Jetzt mussten nur noch die anderen Stipendiaten der Sommerakademie in den Plan eingeweiht werden. Gesagt getan: Eine junge Stipendiatin aus der Gruppe fasste all ihren Mut zusammen, zog sich während des Abendessens einen Stuhl in die Mitte des Raums und stellte sich darauf. Alle Köpfe drehten sich blitzschnell in ihre Richtung, das Klappern und Schaben des Bestecks verhallte. Kurz erklärte sie die Idee und, dass man Geld für das Bastelmaterial sammeln wolle. Noch auf dem Stuhl nahm sie die ersten Spenden entgegen.

Mit einer dicken Brieftasche machten sich drei Stipendiatinnen am nächsten Morgen auf den Weg zum Großhandel. Doch Fehlanzeige: Kaum angekommen, mussten sie feststellen, dass der Großhandel nur für Personen mit Gewerbeschein geöffnet hatte. Enttäuscht machten sie noch einen Abstecher in den kleinen Schreibwarenladen nebenan, wo aber – wie erwartet – die Sachen viel zu teuer waren. „Was haben Sie denn gesucht?“, fragte der Verkäufer als die Gruppe schon fast aus der Tür heraus war. Nachdem sie ihm von dem Plan erzählt hatten, nickte er langsam. „Man hört so viel in den Nachrichten und fragt sich, was man selbst tun kann…“, sagte er. Dann lächelte der Verkäufer: „Jetzt kann ich etwas tun. Bedienen Sie sich und machen sich um den Preis keine Sorgen.“ Plakate und Krepppapier, Hefte, Buntstifte und Bleistifte, Anspitzer und Radiergummis wanderten in die Einkaufskörbe. Mit Tüten voller buntem Bastelmaterial und Süßigkeiten fuhren die Drei zur Sehitlik-Moschee in Berlin.

Im Gemeinderaum hatten sich bereits alle Stipendiaten und die Mitarbeiter der Avicenna-Geschäftsstelle versammelt. Mit Scheren, Klebestiften und Tackern bewaffnet machten sie sich an die Fließbandproduktion der Schultüten. Auch die mit den ungeschicktesten Händen gaben sich große Mühe Blumen, Zahlen und Formen für die Dekoration der Schultüten auszuschneiden. Nach einigen Stunden war dann endlich die letzte von 135 Tüten beklebt und befüllt.

Am nächsten Morgen trugen sie die kunterbunten Schultüten gemeinsam in eine Berliner Flüchtlingsunterkunft. Mit großen Augen betrachteten die Kinder dort die Mitbringsel. Doch bald streckten die Ersten ihre Arme aus, um ihr farbenfrohes Geschenk entgegenzunehmen. Ihnen und den Eltern erklärten die Stipendiaten den Brauch zur Einschulung. Etwas abseits stand ein kleines Mädchen, dass ihre Schultüte fest umklammert hielt und von einem zum anderen Ohr lächelte. Eine Stipendiatin beugte sich zu dem Kind und wünschte ihm: „Viel Spaß in der Schule. Ich hoffe, dass du gut lernen kannst und wenn du groß bist, das machen kannst, was du magst.“ Auf der Schultüte des Mädchens stand in großen Lettern geschrieben: „Unsere Zukunft. Mit Dir!“

Von Beria Ulusoy, Avicenna-Stipendiatin, Jura-Studentin