Stimmen

Unser Ziel: Persönliche Kontakte in den Vordergrund stellen

Foto: Alexander Busold

„In der Flüchtlingsarbeit möchte ich mich engagieren, weil ich es unglaublich wichtig finde, geflüchtete Menschen dabei zu unterstützten, sich in einem neuen kulturellen und sprachlichen Umfeld zurechtzufinden“, sagt Alexander Busold, der im ersten Jahrgang des Projektes „Unsere Zukunft. Mit Dir!“ (UZMD) als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes zum Lotsen geschult wurde. Mit dem Patenschafts-Projekt haben Alexander und andere Berliner Lots/innen es sich vorgenommen, Einheimische und neue Bewohner der Berliner Kieze zusammenzubringen und damit eine Grundlage für ein respektvolles Zusammenleben zu schaffen. Einen tieferen Einblick in seine Motivation, Herausforderungen und Erfolge des Projektes gibt Alexander in einem Interview.

Welchen Schwerpunkt haben Sie für Ihre Aktion gewählt und warum?

Wir haben Patenschaften, beziehungsweise Kulturtandems, zwischen Geflüchteten, die kürzlich nach Berlin gekommen sind, und Berliner Studierenden vermittelt und betreut. Unsere Idee war es, spannende Begegnungen und einen Kulturaustausch zu ermöglichen. Ein weiteres Ziel ist es, den geflüchteten Menschen das Ankommen in Berlin zu erleichtern durch den persönlichen Kontakt zu einem anderen Menschen, der hier und da Tipps geben kann, beim Erlernen der Sprache hilft, oder bei der Bewältigung der Bürokratie – oder einfach durch einen schönen Nachmittag, an dem man ein neues Stadtviertel erkundet.

Die Patenschaften sind idealerweise aber nicht nur für die Geflüchteten eine Bereicherung, sondern auch für die Paten und Patinnen, die die Gelegenheit haben jemanden aus einem anderen Land und anderer Kultur kennenzulernen, Berlin mit neuen Augen zu entdecken, jemandem einfach helfen zu können, in manchen Fällen eine neue Sprache zu lernen, oder mit etwas Glück ein neues Lieblingsgericht zu finden.

Was motiviert Sie dazu, sich dieser Aktion zu widmen? Was ist Ihnen wichtig?

Uns war wichtig selbst aktiv zu werden und geflüchteten Menschen zu helfen. Dabei wollten wir den persönlichen Kontakt und den einzelnen Menschen in den Vordergrund stellen, denn bei dem politisch heiß umkämpften Flüchtlingsthema gerät das schnell in den Hintergrund. Auch waren wir gespannt, inwiefern es klappen kann mit Menschen, die sich vorher noch nie gesehen haben, zusammen zu kochen, sich kennenzulernen, und über einen gewissen Zeitraum zu sehen und auszutauschen. Der persönliche Kontakt und Austausch sind dabei wirklich der Kern der Patenschaften, und auch ganz allgemein elementar für ein gelingendes Zusammenleben in diversen Gesellschaften. Patenschaften können dadurch vielleicht auch für das abstrakte Ziel der Integration einen Beitrag leisten. Denn die Patenschaften wirken im Hinblick auf Integration nicht nur dadurch, dass Geflüchtete unterstützt werden sich an einem neuen Ort zurechtzufinden. Sondern sie tragen optimalerweise auch dazu bei Diversität und Unterschiedlichkeit als etwas Wertvolles zu begreifen.

Dadurch ändert sich vielleicht bei der ein oder anderen Person auch das Verständnis dessen, was unter dem Begriff Integration verstanden wird. Denn in Deutschland wird von Zugewanderten leider viel zu oft Assimilation statt Integration gefordert. Das heißt, dass häufig implizit die komplette Anpassung unter weitgehender Aufgabe der bisherigen Kultur erwartet wird. Wer kein Schweinefleisch isst, kein Alkohol trinkt oder nicht-christliche religiöse Feiertage feiern möchte, steht häufig unter permanentem Rechtfertigungsdruck. Und wessen Akzent verrät, dass Deutsch nicht die Muttersprache ist, hat es viel schwerer auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt. Viele Deutsche erwarten also von Zugewanderten implizit viel mehr als nur ein friedliches Zusammenleben unter Achtung der Verfassung und der geltenden Gesetze. Vielleicht geben die Patenschaften hier und da Anstoß Assimilationserwartungen über Bord zu werfen.

Welches Feedback haben Sie von den Aktionsteilnehmenden bisher erhalten?

Nach der Vermittlung haben wir die Patenschaftspaare weiter betreut, z.B. durch gemeinsame Unternehmungen in Kleingruppen wie Kochen, Fahrradtouren, Stadtführungen, Tretbootfahren, Museumsbesuche, etc. Das Feedback war häufig sehr positiv, besonders zu den Kochveranstaltungen, die fast allen großen Spaß gemacht haben. Auch haben viele Paare sich über längere Zeit getroffen und intensiven Austausch gehabt.

Einige Patenschaften haben jedoch auch nicht gut funktioniert und wurden nach kurzer Zeit beendet. Das lag unter anderem an der zeitlichen Verfügbarkeit, sowohl der Paten, als auch der Geflüchteten, oder es hat persönlich nicht gepasst.

Wir Organisatoren haben insgesamt ziemlich viel gelernt und einige unserer Erwartungen und Annahmen über den Haufen geworfen. Die öffentlich geführten Debatten und viele Vorstellungen von Integration, inklusive unserer, gingen zumindest zu einem großen Teil an der Realität vorbei. Viele Dinge, die elementar für eine gelungene Integration gelten, wie Sprachkenntnisse, Arbeit, Wohnen, etc., waren für einige der teilnehmenden Geflüchteten von relativ geringer Bedeutung, und das konnte ich sehr gut verstehen. Zum Beispiel ist der Heimatort von zwei Geflüchteten, indem der Großteil ihrer Familie weiterhin lebt, immer noch in sehr kritischer Lage. Verständlich, dass ihnen deswegen gerade wichtiger ist, ob ihre Familien noch leben, und wie sie kurzfristig schnell Geld verdienen können, um es ihnen zu schicken, als zu überlegen, welche Ausbildung sie jetzt anfangen sollen, um dann in zwei oder drei Jahren hier einen guten Job zu finden. Wenn es für Deine engsten Angehörigen gerade um Leben und Tod geht, ist Dein Zeithorizont nun einmal kürzer, als es aus der eher längerfristigen Integrationsperspektive notwendig wäre.

Nach Ihrer Einschätzung, ist es Ihnen gelungen, die anvisierten Ziele zu erreichen?

Insgesamt sind wir sehr zufrieden, denn wir haben viele positive Rückmeldungen erhalten. Wir haben insgesamt etwa 22 Patenschaften mit 45 Teilnehmenden vermittelt und etwa 15 Veranstaltungen durchgeführt. Wir überlegen nun, inwiefern wir das Projekt fortführen.

Das Projekt hat mir viel Freude bereitet, mein Dank dafür gilt vor allem den anderen Teammitgliedern! Diese sind v.a. die Stipendiatinnen des Avicenna-Studienwerks: Ayse Delikaya, Ayse Harmanci, Beria Ulusoy, Lyla Abu-Yahya, Neslihan Altun und Sude Yildiz.

 


Kreativ und inspirierend

„Für mich war das Highlight die Gruppendynamik, die einzelnen Gespräche und insbesondere der studienwerkübergreifende Austausch.“ „Die Kombination aus lehrreichem Input und den motivierten Menschen!“ „Dass das Projekt für alle Förderwerke zugänglich ist, bedeutet einen enormen Gewinn für alle. Mehr von solchen Projekten!“ Das sind nur einige Statements der Lots/innen aus dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt „Unsere Zukunft. Mit Dir!“ zu den diesjährigen Schulungen in Dortmund, Stuttgart und Berlin.

Aber nicht nur fachlichen Input gab es während der Veranstaltungen, sondern auch einen kreativen Output. Mit der Methode des Graphic Recording haben unsere Projektteilnehmenden die Inhalte reflektiert – und es sind tolle Bilder entstanden, die unglaublich inspirieren und zur Gestaltung neuer Aktionen für Geflüchtete motivieren. Vielen Dank für Ihre wahren Kunstwerke und viel Erfolg bei Ihren Aktionen!

 


Die Flamme der Empathie weitertragen

Karina Nasyedkin (Friedrich-Ebert-Stiftung) ist ausgebildete Lotsin und aktive Mitwirkende im Projekt „Unsere Zukunft. Mit dir!“. Zusammen mit anderen Stipendiaten der 13 Begabtenförderungswerke setzt sie sich für mehr Teilhabe der Geflüchteten am gesellschaftlichen Zusammenleben ein. Ideenfinderin, Konzeptentwicklerin und Leiterin des Teilprjektes  eines Märchenbuches zum Thema „Unterwegs sein“ gestaltet sie mit ihrem Team Projekttage an mehreren Schulen in Bayern. Das damit verbundene Unterrichtskonzept steht für Empathie und Verständnis für das Neue. In einem Porträt reflektiert Karina über die Herausforderungen und Erfolge ihrer bisherigen Aktivitäten im Projekt „Unsere Zukunft. Mit Dir!“.

Foto: Karina Nasyedkin

Unsere Vision

Was verbirgt sich hinter den Begriffen Integration und Teilhabe? Für uns, Lots/innen, die das Märchenbuch-Projekt ins Leben gerufen haben, bedeutet es Verständnis füreinander und miteinander zu haben. Wir glauben, dass absolut jede und jeder kann (und sollte) ihre oder seine Empathie stärken. Vor allem das bewusste Hineinfühlen in eine Lebenssituation, die man selbst nicht durchlebt hat, schult die Anteilnahme.

Als Mitwirkende am „Kochkulturen im Dialog“ und aktives Mitglied von Amnesty International in Regensburg war ich an der gesellschaftlichen Entwicklung der Asylsuchenden in Deutschland sehr interessiert. Durch all meine Erfahrungen bin ich fest davon überzeugt, dass gesellschaftliche Integration nur durch Aufklärung und Interaktion funktioniert. Mit dem UZMD Projekt sah ich eine einzigartige Gelegenheit mit Gleichgesinnten praxisnahe Lösungsansätze zu entwickeln und eigene Ideen zu verwirklichen.

 Die Idee und ihre Umsetzung

Mit dem Märchenbuchprojekt im Rahmen des förderwerkeübergreifenden Projektes „Unsere Zukunft. Mit Dir!“ wollen wir in erster Linie Kinder erreichen. Wie erreicht man am besten Kinder mit verschiedenen kulturellen Hintergründen? – durch spannende Erzählungen, die verbinden! Denn man kennt Märchen in der einen oder der anderen Form auf der ganzen Welt. Aus dieser Überzeugung heraus, suchten wir Geschichten aus aller Welt zum Thema „Unterwegssein“ heraus und entwickelten passende Konzepte. Uns war es dabei wichtig, dass alle Texte sowohl in Deutsch als auch in der Originalsprache erscheinen, um die Interkulturalität zu fördern. Nach monatelanger Vorbereitung fanden die Projekttage an zwei bayrischen Schulen statt. Ich war begeistert, wie offenherzig und neugierig die Schüler/innen der vierten und fünften Klassen das Konzept und die Märchen aufnahmen. Soweit ich beurteilen kann, konnten wir gemeinsam mit den Kindern die facettenreichen Aspekte des Unterwegsseins erarbeiten und durch das Hineinversetzen in die einzelnen Märchenfiguren die eigene Wahrnehmung erweitern. Die kreativen Buchillustrationen der kleinen Künstler/innen sind ein Beweis dafür.

Über die Leistungen und Herausforderungen

Wenn ich auf das eigeninitiierte fast einjährige Projekt zurückblicke, glaube ich, dass unsere größte Herausforderung und gleichzeitig beste Leistung die Koordination war. Denn alle zehn von uns wohnen in anderen Städten, studieren unterschiedliche Fachrichtungen und kannten uns vor der Lotsenschulung nicht. Trotzdem schafften wir gemeinsam, durch zahlreiche Konferenzschaltungen, unsere Stärken und Kontakte bestens für die Umsetzung einzubringen.

Ich habe größten Respekt vor dem persönlichen ehrenamtlichen Engagement jedes Mitglieds: Annika Kaltenhauser und Carolin Scheuer (Studienstiftung des deutschen Volkes), Demet Pek, Gentrit Fazlija und Hani Mohseni (Avicenna-Studienwerk), Kristina Milz (Konrad-Adenauer-Stiftung), Lea Perizonius (Ev.Studienwerk Villigst) und Ludmila Gelwich (Friedrich-Ebert-Stiftung). Ein besonderer Dank geht an die Graphikerin Marina Grimme, die nicht nur das Design des Märchenbuchs entworfen hat, sondern uns beim Übersetzen sowie Drucken unterstützt hat.

Als Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung war es mir eine große Ehre, das Märchenbuch-Projekt zu leiten und die sich dahinter verbergende Idee u.a. bei der TEDx Veranstaltung in Regensburg vorzustellen.

Über die Motivation

Besonders motivierend empfand ich die Frage einer Schülerin zum Abschluss des Projektages, ob man das Stipendiat/innen-Team auch für weitere Veranstaltungen mit dem Einsatz des Märchenbuch-Konzeptes anfragen könnte. An dieser Stelle kann ich nur jede und jeden ermutigen, sich selbst mit Hilfe der Geschichten auf den Weg in vielfältige Welten zu begeben. Dies ist bereits zu einem ganz besonderen Anlass gelungen: Am bundesweiten Vorlesetag am 17. November 2017 hatten die Lots/innen aus unserem Projekt große Freude zusammen mit den Kindern in die Erzählwelt einzutauchen.

Alle Märchen und Konzepte sind übrigens auf der Seite des Avicenna-Studienwerks frei verfügbar und können bei ähnlichen (vor-)lesefördernden Anlässen eingesetzt werden: http://www.avicenna-studienwerk.de/maerchenbuch/

Anstatt eines Schlusswortes…

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Flamme der Empathie von so vielen wie möglich weitergetragen wird…

 


Stimmen unserer Lotsinnen und Lotsen

Ali Yesil, Avicenna-Studienwerk

Draußen ist es still, es fallen  keine Bomben vom Himmel,  lediglich ein paar Schneeflocken. Laut dem Bundesamt  für Migration und Flüchtlinge kann im Jahr 2016 von gut 280.000 asylsuchenden  Menschen ausgegangen werden. Laut der Welt wurden zwei Drittel der Asylanträge in Deutschland gestellt. Haben wir in Deutschland jetzt ein Flüchtlingsproblem? Eine sehr komplizierte Frage.

In einem Punkt sind wir uns doch sicher einig: Es handelt sich um Menschen. Menschen, deren Flucht eine Ursache hat. Menschen, deren Heimatländer größtenteils zerstört wurden, oder deren Existenz in vielen Fällen bedroht ist. Menschen, die ein Leben in Freiheit, in Frieden und in Wohlstand führen möchten. Menschen, denen ich helfen möchte.

Ich möchte mir ein Bild von Ihren Existenzen machen. Es genügt mir nicht, die Flüchtlingsdebatte auf Zahlen und Statistiken zu reduzieren. Zweifelsohne, Deutschland hat zahlreiche Kultur-, Bildungs- und Sprachangebote. Doch sind die Geflüchteten auch auf kulturell sensible Helfer/innen angewiesen. Sie bedürfen eines zielgerichteten Umgangs und oftmals auch psychologischer Betreuung. Ich sehe es als großen Segen und eine Erweiterung meines persönlichen Horizontes, dass letztere Kompetenzen im Rahmen der Lotsenschulungen des Projektes „Unsere Zukunft. Mit Dir!“ vermittelt werden.

Als Stipendiat eines muslimischen Begabtenförderungswerks sehe ich ein weiteres großes Potential. Da die meisten Stipendiat/innen von Avicenna selbst sog. Migrantenkinder sind, die in Deutschland erfolgreich ihren Weg gefunden haben, besteht meines Empfindens nach ein sehr direkter Bezug zu den Geflüchteten – womöglich ein Lichtblick für viele.

Einen besonderen Stellenwert hat für mich der förderwerkübergreifende Charakter des Projektes „Unsere Zukunft. Mit Dir!“. Durch die interreligiöse und interkulturelle Zusammenarbeit können wir ein großes Zeichen in unserer Gesellschaft setzen.

 

Jan Uwe Amrhein, Konrad-Adenauer-Stiftung

Das Grundrecht auf Asyl ist eine immense Errungenschaft Deutschlands, was selbst wiederholt durch sein kriegerisches Handeln etliche Menschen zur Flucht zwang. Ich bin deshalb froh, dass sich Deutschland Ende 2015, Anfang 2016 dazu entschied, trotz großer Flüchtlingszahlen und der Angst vor der Überforderung der Aufnahmekapazitäten die Grenzen für alle Asylsuchende offen zu halten und so eine Willkommenskultur anregte, die in Europa bis heute einzigartig gewesen ist.

Mir ist natürlich auch bewusst, dass auf das Willkommen nun eine nachhaltige Integrationspolitik betrieben werden muss. Deshalb sollte die Förderung engagierter Geflüchteter forciert werden.

Dafür sind nun Initiativen, wie das Projekt „Unsere Zukunft. Mit Dir!“ des Avicenna-Studienwerks, unabdingbar. Somit freut es mich, dass es mir als Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung ermöglicht wird, mich als Flüchtlingslotse beim Avicenna-Studienwerk betätigen zu dürfen.

 

Anastasia Kosmidou, Studienstiftung des deutschen Volkes

Auch wenn ich bereits Erfahrungen im sozialen Bereich sammeln konnte, habe ich noch nicht den Schritt gewagt, eigenständig Projekte zu entwickeln und zu leiten. Die Unsicherheit nicht die nötige Erfahrung oder das nötige Wissen zu besitzen, um etwas selbständig aufzubauen, hat mich bisher in eine nicht für mich zufriedenstellend aktive Rolle gebracht.

Gemeinsam mit meiner Projektgruppe will ich Ideen entwickeln um nicht nur die erfolgreiche Integration der Geflüchteten zu unterstützen, sondern gleichzeitig auch die in Deutschland bereits sehr pluralistische Gesellschaft für die schwere Lage der Asylsuchenden zu sensibilisieren.

Das Projekt „Unsere Zukunft. Mit Dir!“ des Avicenna-Studienwerks unterstützt mich einerseits durch die theoretische Vermittlung projektorientierter Kompetenzen. Gleichzeitig ermöglicht die Kooperation aller 13 Begabtenförderungswerke einen sehr vielseitigen Ideenaustausch großen Potentials.

 

Katharina Wildfeuer, Friedrich-Ebert-Stiftung

‘Unsere Zukunft. Mit dir!`‘ erscheint mir deshalb ein sehr interessantes und effektives Konzept zu sein, da es eines der wenigen Projekte ist, das förderwerkübergreifend gestaltet ist. Durch den gemeinsamen Austausch von im Bereich der Flüchtlingshilfe arbeitenden und motivierten Studierenden verschiedenster Studienförderungen erhoffe ich mich ein großes Potential, um zusammen nachhaltige, langjährige und effektive Projektideen für eine bessere Integration Geflüchteter innerhalb unserer Gesellschaft umzusetzen.

Innerhalb eines deutschland- und weltweiten, nicht nur bürgerlichen sondern insbesondere auch zunehmenden politisch praktizierten Rassismus, kann man diesem alleine kaum entgegenwirken. Innerhalb eines Netzwerks wie das von „Unsere Zukunft. Mit Dir!“ ist dies jedoch möglich. Vor allem aus diesem Grund möchte ich meine Erfahrungen und Motivation als Teilnehmerin beim Projekt des Avicenna-Studienwerks einbringen, um zusammen an einer bessren Gesellschaft zu arbeiten.“

 

Melanie Bayo, Hans-Böckler-Stiftung

Es ist mir eine Herzensangelegenheit, ein Verständnis in unserer Gesellschaft herzustellen, das die meines Erachtens durchaus präsente „Wir“ und „Sie“-Kultur bricht. Anstelle einer Koexistenz sogenannter „verschiedener Bevölkerungsgruppen“ sollten wir ein Miteinander anstreben, das von gegenseitigem Austausch und Verständnis geprägt ist.

 

Phu Luu, Heinrich-Böll-Stiftung

Als Sohn einer geflüchteten Familie, wurde ich schon sehr früh mit der Thematik Migrationshintergrund und Flucht konfrontiert. Im Kindesalter fiel es mir sehr schwer mich damit zu befassen, denn anfangs war es äußerst mühselig sich zu integrieren, wenn man zum einen isoliert in einer Flüchtlingsunterkunft aufwuchs und zum anderen nicht die deutsche Sprache beherrschte. So schämte ich mich als Kind zunächst für mein fremdartiges Aussehen und meinen Migrationshintergrund, der immer mehr zum „Migrationsvordergrund“ gerückt worden war.

Auf meinem Weg dorthin, wo ich heute stehe, stand ich oft vor verschlossenen Türen und wusste an vielen Stellen nicht weiter. Aus diesem Grund möchte ich Meine Erfahrungen im Rahmen des Projekts „Unsere Zukunft. Mit Dir!“ nutzen, um für andere Geflüchtete als „Türenöffner“ und „Wegweiser“ zu fungieren. Ich möchte Menschen, die momentan Ähnliches durchleben müssen, wie ich in meiner Kindheit, die Möglichkeiten zeigen, die ein Migrationshintergrund mit sich bringt und sie ermutigen ihren Weg zu gehen.

 

Anja Fahlenkamp, Erst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk

Für mich ist die Hilfe für geflüchtete Menschen nicht nur eine menschliche Notwendigkeit, sondern auch ein wichtiger Ausdruck des Respekts für Menschenanderer Herkunft und Religion, der mir auch vor dem Hintergrund der Holocaust-und Fluchterfahrungen meiner eigenen Großeltern ganz besonders am Herzen liegt.

 

Neval Parlak, Avicenna-Studienwerk

Wir teilen vielleicht nicht dieselbe Vergangenheit, dafür aber dieselbe Zukunft und diese können wir nur gemeinsam gestalten!

 

 

Fotos: Avicenna-Studienwerk


Vom Willkommen Heißen zum Ankommen Helfen

© Avicenna-Studienwerk e.V.

Ein großes Projekt soll es werden, mit finanzieller Unterstützung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Rückhalt einer Regierung, die sich für ein „Wir schaffen das“ einsetzt. Als ich zum ersten Mal vom Lotsenprojekt „Unsere Zukunft. Mit Dir!“ des Avicenna Studienwerks hörte, gingen mir viele Fragen durch den Kopf, die ich bei einem Regionaltreffen mit meinem Mitstipendiaten und Partner in der Regionalgruppenleitung Aykut Ilaslan besprechen konnte. Als erfahrener Sozialarbeiter mit dem Schwerpunkt interkultureller und internationaler Sozialarbeit begleitet er das Projekt von Beginn an und unterstützt die Projektleitung bei der inhaltlichen Konzeption und praktischen Durchführung. So trafen wir uns kurz vor dem großen Kick-off in Berlin: Eingeladen war nicht nur der parlamentarische Staatssekretär Thomas Rachel. Auch Vertreter/-innen der anderen Studienwerke sowie die Presse sollten dem Auftakt beiwohnen. Nach monatelangen Vorbereitungen und einer umfangreichen Organisation, stand der 25. April an: Der Kick-off in Berlin. Mit Bravour und Exzellenz sprachen Aykut Ilaslan und Erszebeth Roth vor einem hochkarätigen Publikum, das sichtlich beeindruckt war von der Expertise dieser jungen Studierenden. Ein gelungener Auftakt also. Aber wofür eigentlich?

© Avicenna-Studienwerk e.V.

Das Lotsenprojekt ist gedacht als ein bundesweites und alle Studienwerke einschließendes Projekt, das Geflüchtete beim Ankommen in der deutschen Gesellschaft unterstützen soll. Es wäre viel zu einfach sich mit der Begründung, dass Studienwerke einem Bildungsauftrag nachgehen, der sich in erster Linie an Bildungsbürger/-innen richtet, aus dem Aufgabenbereich der Integrationsarbeit mit Geflüchteten zu entziehen. Deutschland jedoch deklariert sich selbst als Land der Ideen. Welche bessere Idee könnte es geben, als die Ideenwerkstätten zusammenzubringen, bestehendes Potential, das die Stipendiaten/-innen mitbringen in neue Projekte einfließen zu lassen und dabei zu beobachten wie auf der Basis von Synergien Multiplikatoren entstehen?

Mit diesem Verständnis wurden nach einer Bewerbungsphase 160 Stipendiaten ausgewählt, die an sieben Schulungsorten deutschlandweit zu Flüchtlingslotsen sensibilisiert und geschult werden. Die zukünftigen Lotsen könnten dabei nicht unterschiedlicher sein: Bei der zweiten Schulung in Wiesbaden waren unter den ca. 30 Teilnehmenden sowohl unerfahrene Studenten/-innen, aber auch ehrenamtliche Profis, die seit frühester Jugend unmittelbar mit Geflüchteten arbeiten, sich im Studium mit der Thematik auseinandersetzen oder sogar bereits eigene Patenschaften an ihrer jeweiligen Universität initiiert hatten. In den verschiedenen Modulen setzten wir uns mit rechtlichen, seelsorgerischen und bildungsbezogenen Inhalten auseinander, tauschten uns über Erfahrungswerte in der ehrenamtlichen Arbeit aus und darüber wie wir unsere Ideen am effektivsten und nachhaltigsten umsetzen können.

© Avicenna-Studienwerk e.V.
Erproben konnten wir uns als regionale Projektgruppen bereits im Fastenmonat Ramadan, an dem wir den 20. Juni, den Weltflüchtlingstag, als Anlass nutzten um bundesweit gemeinsam mit Geflüchteten das Fasten zu brechen, uns kennenzulernen und unsere Vorstellungen und Pläne auszutauschen. Wir als Projektgruppe in Hannover haben dabei vor allem die Begegnung mit den Bewohnern/-innen des Heims für Geflüchtete geschätzt undlernten dabei offene und interessierte Menschen kennen, die ihr Leben und damit ihre neue Gesellschaft mitgestalten wollen. Den Kontakt haben wir natürlich aufrechterhalten und konzipieren bereits weitere Aktionen in dem Wohnheim und in der Region.

Das besondere Merkmal des Lotsenprojekts ist die Freiheit in der Konzeption, Planung und Durchführung der Ideen. Nur eines sollten die Projekte meines Erachtens nicht sein: kurzweilig. Zukunft zeichnet sich nicht nur durch Innovation sondern erst durch Nachhaltigkeit aus. Wir als Stipendiat/innen haben ideale Voraussetzungen, die Zukunft Deutschlands zu gestalten, Ressourcen und Zugänge stehen uns offen. Dies sind meiner Überzeugung nach Mittel, die eine Verantwortung mit sich bringen, der es gerecht zu werden gilt. Das bedeutet nicht, dass wir staatliche Integrationsarbeit übernehmen oder hiesige Bildungsdefizite und gesellschaftliche Missstände nicht länger problematisieren. Es bedeutet, dass wir mit dem Status Quo nicht zufrieden sind und mehr tun als nur „Refugees welcome“ zu sagen. Getragen von Hoffnung, Mut und Zielstrebigkeit richten wir – alle Lotsen der Studienwerke gemeinsam mit „Dir“ – den Blick auf eine neue, menschliche und starke Gesellschaft.

Autorin: Hafssa El-Bouhamouchi studiert „Religion im kulturellen Kontext“ (M.A.) an der Leibniz-Universität Hannover