Japan: Famulatur in Tochigi

Ich habe meine Famulatur an einer der Partneruniversitäten der med. Fakultät Münster, an der Dokkyo Medical Faculty in Mibu-Machi in der Präfektur Tochigi in Japan, abgeleistet. Vor meiner Entscheidung, nach Japan zu fahren, wusste ich nicht viel über das Land. Die sehr positiven Erfahrungen einer Kommilitonin, die 6 Monate an dieser Universität verbracht hatte, haben mich überzeugt.

Von der fachlichen Seite her hatte ich mir vor der Hinreise eine sehr gute Betreuung in der Lehre durch die Ärzte erhofft. In persönlicher Hinsicht hatte ich mir vorgenommen, möglichst viel mit einheimischen Menschen in Kontakt zu kommen, um ihre Lebensart, Lebenseinstellung und bestimmte Ansichten zu verschiedenen Themen zu erfahren.

Im Krankenhausalltag war ich erstaunt, dass viele Dinge in der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung sehr ähnlich zu Deutschland waren. Da man sowieso noch kein Facharzt mit detailliertem Wissen in dem jeweiligen Fachgebiet ist, fällt es nicht immer leicht, Unterschiede in der Behandlung festzustellen. Daher hatte ich meine Blockpraktika in der Chirurgie in Deutschland so gelegt, dass ich sie vor meiner Famulatur absolviert hatte, um die Grundlagen in der Chirurgie bereits zu kennen. Darüber hinaus hatte ich auch bereits aktiv in der Thoraxchirurgie am UKM ausgeholfen und somit Anhaltspunkte, die es mir ermöglichten, Vergleiche innerhalb dieser Fachrichtung zwischen der Vorgehensweise in Deutschland und Japan anzustellen. Aus diesem Grund  kann ich jedem Famulanten empfehlen, wenigstens ein paar Tage in der geplanten Fachrichtung im jeweiligen Universitätshospital in Deutschland vor dem Antritt der Famulatur im Ausland zu absolvieren. Sehr geholfen hat mir auch der Austausch mit anderen Gastärzten vor Ort. So habe ich mich mit einem Chirurgen aus Schweden austauschen können, der mich auf bestimmte Unterschiede in der Vorgehensweise aufmerksam gemacht hat, sodass ich dann auch insbesondere darauf geachtet und selbst ebenfalls gesehen habe.

Ich war von der Lehre in Japan begeistert. Ich bin mir nicht sicher, ob es daran lag, dass unsere Partneruniversität eine private Hochschule für Medizin ist. Jedenfalls, gibt es bei den japanischen Studenten ein Jahr, in dem sie durch alle Stationen rotieren und somit 1-2 Wochen in allen Fachrichtungen verbringen. Im Rahmen dieses Aufenthaltes organisieren die Oberärzte Kurse für die Studenten und verbringen viel Zeit mit diesen an den Nachmittagen. Ich habe aus Interesse auch einige Tage zusätzlich in der Abdominalchirurgie verbracht, wo die Studenten auch Patienten in den morgendlichen Konferenzen vorgestellt haben und Fragen in den Fallbesprechungen an den Nachmittagen klären konnten. In der Thoraxchirurgie werden regelmäßig Workshops in Kooperation mit derjenigen medizintechnischen Firma zusammen organisiert, die den größten Anteil der medizinischen Geräte in dieser Abteilung stellt (in der Thoraxchirurgie „Ethicon“). Ich habe chirurgische Eingriffe an Modellen üben können, die die anatomischen Strukturen der Lunge nachahmen und auch einen sehr hohen Preis haben, jedoch ebenfalls von den medizintechnischen Firmen zur Verfügung gestellt werden (s. Foto 1 und 2). Darüber hinaus sponsert diese Firma Präparate aus gesamten Herz-Lungen-Paketen von Schweinen und das Nahtmaterial. Die Studenten dürfen dann auch die High-Tech-Medizingeräte benutzen, die standardmäßig in Operationen benutzt werden. So habe ich mehrmals Lobektomien (Entfernung von Lungenlappen) unter Assistenz der Oberätzte sowie unter Zuhilfenahme der Medizintechnik so durchgeführt, wie sie beim Menschen auch durchgeführt werden würden (s. Foto 3 und 4). Bestimmte Vorrichtungen haben dabei z.B. den Rippenkorb simuliert, um sich realen Bedingungen anzunähern. Auch endoskopische Eingriffe konnten wir dank der zur Verfügung gestellten Materialien üben (s. Foto 5 und 6).

Interdisziplinäre Konferenzen sind international üblich, um schwierige Fälle unter Einbezug verschiedener Expertenmeinungen zu besprechen. Was mich jedoch besonders an Japan positiv überrascht hat, ist die Tatsache, dass nicht nur ein Vertreter aus der anderen Fachrichtung (z.B. ein Herzchirurg bei den Thoraxchirurgen) anwesend war, sondern das gesamte Team der jeweiligen Fachrichtung, sodass viele Meinungen und Ideen zusammenkamen und die Lehre für Assistenzärzte auch hervorragend ermöglicht wurde. Besonders interessant fand ich die Aufklärung der Angehörigen des Patienten nach der Operation. Für jede Fachrichtung ist es durchaus üblich, dass der jeweilige Operateur das entnommene Organ in einer Fixationslösung zum Angehörigengespräch mitnimmt, wo den Angehörigen erklärt wird, wie lang die OP gedauert hat, welche Teile eines Organs entfernt wurden, ob es Komplikationen gab und in dem die Angehörigen die entnommenen Teile nicht nur bestaunen, sondern auch anfassen und Fotos davon machen dürfen. Während die Chirurgen in Deutschland meistens nur ein paar Wörter verlieren, nehmen sich die Ärzte in Japan ca. 10 Minuten Zeit für die Angehörigen. Als besonders lobenswert habe ich erlebt, dass der Operateur nicht nur anwesend ist, wenn der Patient nach der Narkoseausleitung aufwacht, sondern diesen auch bis auf die Station begleitet und dem Patienten für Fragen zur Verfügung steht sowie ganz sicher geht, dass auch alles nach der OP in Ordnung ist.

In Japan besteht generell das Problem, dass die einheimischen Leute meistens nur über sehr schlechte Sprachfertigkeiten in Englisch verfügen und diese überwiegend auf das Schriftliche begrenzt sind, da der Englischunterricht in den Schulen nur sehr wenige Gesprächsübungen beinhaltet. Auch unter Akademikern ist dies leider zum großen Teil der Fall. Deshalb sollte man sich unbedingt um eine Famulaturstelle in einem Universitätshospital bemühen. Denn dort habe ich die Erfahrung gemacht (und auch andere deutsche Studenten vor mir), dass mindestens 2-3 Leute aus jeder Fachrichtung gut Englisch sprechen können und zumindest die medizinischen englischen Fachtermini gut beherrschen. Dies liegt daran, dass sich diese Ärzte in ihrer akademischen Laufbahn mit wissenschaftlichen Papers auseinandersetzen und auch regelmäßig internationale Fachkonferenzen besuchen.

Darüber hinaus kann ich empfehlen, die Famulatur in der Chirurgie abzuleisten, falls Interesse für dieses Gebiet besteht. Die Vorteile dabei sind zum einen, dass das Lernen vor allem in Operationen stattfindet, in denen die Ärzte auch oftmals die Zeit haben, Dinge ausführlicher zu erklären oder falls es in der OP keine Gelegenheit dazu gab, danach in der OP-Ausleitung sich immer die Zeit bietet, zu erklären, wie und warum etwas durchgeführt wurde. Außerdem würde man z.B. in den internistischen Fächern nicht  viel von den Patientengesprächen mitnehmen können, da ausschließlich Japanisch gesprochen wird.

Generell haben sich die Ärzte viel mehr Zeit für mich genommen als ich erwartet hätte und mir sehr viel erklärt, was anscheinend nicht nur daran lag, dass man sich um mich als Gast besonders gut kümmer wollte, sondern die japanische Mentalität sehr viel Wert auf die Weitergabe von Wissen legt. Insgesamt war der Aufenthalt in Japan eine sehr positive Erfahrung, da ich nicht nur aus fachlicher Sicht viel gelernt habe, sondern auch die positiven und negativen Aspekte in der Gesellschaft kennenlernen konnte.