AG Avi-Lections 2021: Interview mit Nada Knani

"Ich habe mir von den religionspolitischen Sprecher:innen in erster Linie gewünscht, dass sie unsere Anliegen ernst nehmen. Wir verstanden die Gespräche als eine wichtige Gelegenheit, Fragen und Gedanken loszuwerden, die die Stipendiat:innen persönlich beschäftigen und aufschlussreiche Antworten zu erhalten. Wir wollten einen Austausch auf Augenhöhe anstoßen, bei dem nicht nur wir von den politischen Religionssprecher:innen viel mitnehmen konnten, sondern auch sie von uns."

Nada Knani, studiert Internationale Beziehungen in Duisburg-Essen und ist Stipendiatin des Avicenna-Studienwerks

Im Juni 2021 riefen Stipendiat:innen die AG Avi-Lections ins Leben. Das Ziel: Teilhabe an politischen Diskursen und Entscheidungsprozessen verstärken. Im Rahmen der Gesprächsreihe vor der Bundestagswahl lud die AG religionspolitische Sprecher:innen aller demokratischen Fraktionen des Bundestags zu einem Austausch ein; darunter Hermann Gröhe (CDU), Lars Castellucci (SPD), Benjamin Strasser (FDP), Christine Buchholz (Die Linke) und Filiz Polat (Bündnis 90/Die Grünen).

Die Stipendiatin Nada Knani organisierte die Gesprächsreihe der AG Avi-Lections mit. Im Interview erzählt sie über den Hintergrund, das Ziel und die Zukunft der Gesprächsreihe mit Politiker:innen.

Frau Knani, Sie haben die Gesprächsreihe der AG Avi-Lections mitorganisiert. Welche Idee stand hinter dem Austausch mit den religionspolitischen Sprecher:innen?

Die Idee, einen Austausch mit den religionspolitischen Sprecher:innen verschiedener Parteien anzustoßen, ist aus der Erfahrung entstanden, die die Stipendiat:innen nach einem Gespräch mit dem CDU-Politiker Norbert Röttgen machen mussten. Es brach nämlich eine Welle von Hasskommentaren in den Social Media aus, die sich als antimuslimischer Rassismus identifizieren ließ. Es hieß in den Kommentaren, Muslim:innen hätten kein Recht auf politische Partizipation, und dass Politiker:innen, die sich eigentlich zum Grundgesetz bekennen, indem sie Diversität in der Gesellschaft anerkennen und ins Gespräch mit Vertreter:innen anderer Konfessionen kommen, gewisse Tendenzen offenlegen. Wir wollten mit der Gründung der AG aktiv werden und mehr Sichtbarkeit für die Problemlage schaffen: Weil wir Teil dieser Gesellschaft sind und weil eine Teilhabe an politischen Prozessen zur Demokratie gehört. Ein Austausch mit den religionspolitischen Sprecher:innen war uns daher sehr wichtig.

Welche Themen standen im Zentrum? Worüber haben Sie mit den unterschiedlichen Kandidat:innen diskutiert?

So vielfältig wie das muslimische Leben in Deutschland ist, so verschieden waren unsere Gesprächsthemen. Einige waren für die Teilnehmenden aber besonders interessant, da sie uns als deutsche Muslim:innen stark betreffen und das zeigen die Biografien vieler Stipendiat:innen. Beispielsweise gibt es unter uns zahlreiche Jura- und Lehramtsstudierende, deren akademischer und beruflicher Werdegang durch die im Frühjahr beschlossene Novellierung des Beamt:innen-Gesetzes stark eingeschränkt werden kann.  Für uns war es wichtig, über das Thema mit Personen mit Entscheidungskompetenz zu sprechen, denn sie haben ja über das Gesetz abgestimmt. Weitere wichtige Gesprächsthemen waren Antimuslimischer Rassismus, die Repräsentation von Menschen mit Migrationshintergrund in Politik, Verwaltung und Gesellschaft, das jüngste Eklat im Zusammenhang mit dem Verfassungsschutz, Rechtsextremismus in der Polizei, Chancengleichheit im Bildungssystem und (partei-)politische Strategien für die Bekämpfung von institutioneller Diskriminierung.

Was haben Sie sich als Stipendiatin von den religionspolitischen Sprecher:innen für den Austausch gewünscht?

Ich habe mir von den religionspolitischen Sprecher:innen in erster Linie gewünscht, dass sie unsere Anliegen ernst nehmen und diese Erwartung teilten alle Mitwirkenden. Wir verstanden die Gespräche als eine wichtige Gelegenheit, Fragen und Gedanken loszuwerden, die die Stipendiat:innen persönlich beschäftigen und aufschlussreiche Antworten zu erhalten. Wir wollten einen Austausch auf Augenhöhe anstoßen, bei dem nicht nur wir von den politischen Religionssprecher:innen viel mitnehmen konnten, sondern auch sie von uns. Diese Erwartung hat sich im Großen und Ganzen gut erfüllt.

Was war Ihr persönliches Highlight?

Mein persönliches Highlight waren die Beiträge der Stipendiat:innen, die sich selbst politisch engagieren. Sie sprachen über ihre Motivation, über ihre Ziele und Erfahrungen, die sie im Rahmen ihres Engagements machen. Wichtig war zu erfahren, dass ein reges Interesse für Politik besteht und dass trotz der Zurückhaltung vor institutionalisierten Formen der Beteiligung wie z.B. einer Mitgliedschaft in einer Partei, eine Beteiligung an öffentlichen politischen Diskursen und Prozessen durchaus erwünscht ist.

Nach der Gesprächsreihe sind die Stipendiat:innen zu einer Abschlussrunde unter sich zusammengekommen und haben über die Diskussionen reflektiert. Was halten sie fest? 

Wir halten fest, dass die Gesprächsreihe dringend notwendig war, und das nicht nur aufgrund des Superwahljahres. Viele der Stipendiat:innen engagieren sich zwar sozial oder politisch, aber die Hemmung in einen aktiven Dialog mit Politiker:innen zu treten, ist durchaus vorhanden. Die Avi-Lections lösen nicht gleich alle Barrieren auf und sie beantworten nicht alle Fragen, doch sie helfen den Teilnehmenden zu verstehen, dass Menschen aus der Politik gesprächsbereit sind und auf unsere Anliegen eingehen. Wir halten außerdem fest, dass eine Fortführung des Dialogs notwendig bleibt und möchten Regelmäßigkeit in diese Art des Austausches bringen.

Was nehmen Sie für künftige Gesprächsreihen mit Politiker:innen mit? Wo sehen Sie die drängendsten Fragen, die mehr Gehör in der Politik finden müssen?

Die drängendsten Fragen, die mehr Gehör in der Politik finden müssen, sind die Belange von Teilen unserer Gesellschaft, die aufgrund von sozialen, ökonomischen, politischen oder konfessionellen Markern anders gesehen werden und deren Teilhabe an politischen Prozessen nicht voll ausgeschöpft wird. Es gilt, die Anliegen dieser Gruppen ernst zu nehmen, damit sie sich repräsentiert fühlen. Es müssen leichtere Zugänge zur Politik für sie geschaffen werden, um ihre politische Beteiligung zu fördern. Dass es eine Baustelle ist, zeigt bereits die niedrige Wahlbeteiligung als eine der wichtigsten Partizipationsformen schlechthin.

Inwiefern wird die AG Avi-Lections auch künftig am politischen Diskurs teilnehmen?

Wir möchten weiterhin in Kontakt mit unseren bisherigen Gästen bleiben und werden uns darum bemühen, weitere politische Gesprächspartner:innen zu gewinnen, die sich für unsere Anliegen stark machen. Wir sind natürlich sehr gespannt, wie die Ergebnisse unserer Gespräche kanalisiert und unsere Anliegen reale Repräsentation erfahren werden. Uns ist außerdem aufgefallen, dass außenpolitische Fragen nicht weniger interessant sind, als religions- bzw. innenpolitische Themen. Deswegen nehmen wir uns vor, das Themenspektrum der Avi-Lections zu erweitern.

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